Karate in Koulikoro, Mali
Im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Bous im Saarland, Quetigny im französischen Burgund und Koulikoro in Mali hielten sich Patrick Waldraff und Stefan Louis vom Karate Dojo Bous im vergangenen Jahr für gut eine Woche in dem westafrikanischen Land auf. Koulikoro ist eine Stadt am Ufer des Niger mit rund 30.000 Einwohnern. Bereits seit 20 Jahren besteht zwischen den drei Kommunen eine Partnerschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Völkerverständigung zu fördern und die Lebensumstände in der afrikanischen Stadt durch Projekte wie den Aufbau von Schulen und Gesundheitsstationen zu verbessern. Neben zahlreichen offiziellen Terminen nutzten Patrick und Stefan auch die Gelegenheit, sich über die Situation des Karate in Koulikoro zu informieren und auch Kontakte zu knüpfen.
(Zum Abschluss des Trainings wurden Tsukis aus Kiba Dachi geschlagen.)
Der Besuch in Mali war von den Städtepartnerschaftskomitees der drei Kommunen initiiert. Parallel zu dem Aufenthalt war auch eine französische Jugendgruppe vor Ort, so dass ein sportlicher Austausch bereits stattfand, den Patrick ausgiebig nutzte. In Mali sind die Sportarten Fußball und Basketball sehr populär und werden auf hohem Niveau betrieben. Die afrikanischen Gastgeber waren auch bei der Frage nach Aktivitäten im Karate sofort behilflich. Vor allem der Ausdruck Shotokan war offensichtlich vielen ein Begriff. Man wollte insgesamt zwei Termine mit Karategruppen für sie vereinbaren.
An einem Abend trafen Patrick und Stefan sich auf einem Sportfeld in der Nähe des Rathauses, auf dem auf einer betonierten Fläche vorwiegend Basketball gespielt wurde, mit einer Karategruppe direkt in Koulikoro. Das Training fand im Freien, ebenfalls auf einer Betonfläche, im Schein von Flutlicht statt. Zum freudigen Erstaunen der beiden Saarländer war eine Gruppe von knapp 30 Karatekas im Alter von ca. 8 bis 30 Jahren gekommen. Patrick hatte seinen Karate-Gi mitgenommen, um auch am Training teilzunehmen. Das Training wurde von einem Schwarzgurt geleitet und war durchaus mit einer Übungseinheit bei uns vergleichbar. Es wurde vornehmlich eine dem Shotokan-Standardprüfungsprogramm entlehnte Grundschule, das traditionelle Partnertraining und die Shotokan Kata praktiziert. Von den anwesenden Nicht-Karatesportlern wurde sofort staunend wahrgenommen, dass sich Patrick mühelos in den Trainingsbetrieb einfügte. Auch als man ihm dann die Leitung des Trainings überließ, waren keinerlei Verständigungsschwierigkeiten zu erkennen. Die jugendlichen Teilnehmer des gleichzeitig stattfindenden Basketballtrainings, mit denen er einen Tag zuvor bereits gespielt hatte, unterbrachen ihr Training und riefen ganz begeistert: „Patrick fait du Karate“.

(Patrick Waldraff (hinten Mitte) und Stefan Louis (hinten rechts) mit Mitgliedern der Karategruppe in Koulikoro)
Dem Training sah man an, dass es einen starken traditionellen Einfluss gibt. Stefan hatte Gelegenheit, sich mit dem Meister der Gruppe, der in der Hauptstadt Bamako Karate gelernt hatte, zu unterhalten. Es ist offensichtlich, dass Karate in Mali über die übrigen westafrikanischen Staaten einen hauptsächlich französischen Einfluss aufweist. Obwohl Mali kein Mitglied der WKF ist und auf Befragen keine systematischen Wettkämpfe stattfinden, sind die Wettkampfregeln trotzdem bekannt. Die bei uns gebräuchliche Schutzausrüstung war in der Karategruppe in Mali nicht vorhanden. Der freie Kampf wird in der exakt gleichen Form betrieben wie bei uns, jedoch wurde der Tatsache, dass man ohne Schützer auf einem Betonboden kämpfte, Tribut gezollt.
Zwei Tage später sollte ein Treffen mit einer weiteren Karategruppe stattfinden, jedoch hatte für diese Jahreszeit unüblich, heftiger Regen eingesetzt und daher war es zwar kurios aber nur logisch, dass das im Freien stattfindende Training ausfiel.
Davon, dass Karate in Mali keine Randerscheinung ist, konnten sich die beiden Karateka auf dem Saarland auch bei der Rückfahrt zum Flughafen überzeugen. In Bamako trainierte um ca. 22:30 Uhr eine größere Gruppe mitten in der Stadt in einer Parkanlage.
Mali ist ein Staat, in dem vieles absolut nicht selbstverständlich ist. Patrick und Stefan konnten sich davon überzeugen, dass außerhalb der wenigen großen Städte unsere Zivilisation noch keinen Einzug gehalten hat. Annehmlichkeiten wie fließendes Wasser, Elektrizität oder die Möglichkeit des Schulbesuchs sind eher die Ausnahme. Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass Karate auf solch fruchtbaren Boden gefallen ist und mit einem so großen Enthusiasmus betrieben wird.
Text und Fotos:
Stefan Louis